Ankommen

Zuhause warteten unsere Kinder, fröhlich und neugierig auf unsere Gäste, die mit deren Lebhaftigkeit zunächst nichts anzufangen wussten. Wir futterten gemeinsam Lasagne und dann besuchten unsere Gäste eine andere Familie aus der Ukraine, die auch auf unserer Straße untergekommen war, während wir versuchten unsere Kinder ins Bett zubekommen. Voller neuer Eindrücke waren die beiden davon nicht so leicht zu überzeugen. Nach drei Tagen mitfiebern und hoffen, dass alles gut gehen würde, hofften wir auf eine ruhige Nacht. Mir wollte das nicht so Recht gelingen. In meinem Kopf mischten sich aktuelle Nachrichten mit den Erzählungen und den Dingen, die wir in den nächsten Tagen geregelt bekommen sollten zu einer großen Sammlung an Fragezeichen.  

Immer diese Formalitäten

Ämterwahn am nächsten Tag … Es bleibt mir ein Rätsel, wie das jemand alleine bewältigen soll. Erstmal schien es ganz einfach. Im Impfzentrum wurde eine zentrale Registrierungsstelle für Geflüchtete eingerichtet. Der Teufel liegt wie immer im Detail. Wann machen sie auf? Wird ein Corona-Test benötigt? Welche Unterlagen sollte man mitbringen? Über drei Ecken erfuhr ich dann immerhin die Öffnungszeiten, die sich dann als fast richtig herausstellen sollten. Ein Test wurde dort gemacht und wir haben einfach alles mitgenommen, was da war. Also, Corona-Test. Medizinische Untersuchung. Die Abfrage der vorhandenen Impfung erwies sich als schwierig, aber machbar. Langsam kam ich mir vor, wie eine Sekretärin. In meinen Händen stapelte sich Papier. Natürlich auf Deutsch und nur das wenigste wenigstens zweisprachig. Nächste Abteilung. Registrierung und Aufenthaltstitel. Zum dritten Mal die Diskussion, wie die kyrillischen Namen „richtig“ zu übersetzen seien. Und dann, zu guter Letzt, noch die Anmeldung beim Sozialamt. Wieder ein Fragebogen, nur auf Deutsch, inzwischen konnte ich aber 90% davon ausfüllen, ohne auf die Übersetzer-App zurückgreifen zu müssen. Außerdem gab es hier einen Mitarbeiter, der Ukrainisch und Deutsch konnte. 

Drei Stunden später standen wir wieder in der Sonne. Doch es war noch nicht geschafft. Wir brauchten noch einen Termin zum Röntgen, um sicherzugehen, dass die Mutter kein TBC hat und ein Bankkonto. Es gab einen kleinen Spaziergang durch die Solinger Innenstadt mit einem kleinen Abstecher zur Stärkung. Der Termin zum Röntgen war schnell gemacht.

Dann nur noch eben die Bank. „Haben Sie die Pressemitteilung nicht gelesen?“, war die Antwort der Dame an der Information, als ich unser Anliegen vorgetragen hatte. „Wir wurden hierher geschickt. Nein, habe ich selbstverständlich nicht.“ „Wir haben doch extra heute eine Pressemitteilung rausgegeben.“ (Es war Montag, wir waren seit zehn Uhr in der Registrierungsstelle, wann hätte ich mich mit Pressemitteilungen beschäftigen sollen?! Denken, Hilke. Nicht laut sagen.) „Nein, tut mir leid, die habe ich noch nicht gelesen. Wir waren den ganzen Vormittag mit der Anmeldung beschäftigt.“ „Na gut, dann erkläre ich Ihnen das nochmal. Hier, der Info-Zettel. Es wurden Kollegen verdonnert, sich morgens von 8.00–9.00 Uhr vor unseren regulären Öffnungszeiten um die Flüchtlinge zu kümmern. Es gilt dabei übrings 3G.“

Ich hörte eine leicht panische Stimme neben mir: „What means 3G? How can I do this?“ Der Info-Zettel war tatsächlich zweisprachig und dort war erklärt, was man mitzubringen hatte, unteranderem den 3G-Nachweis (was ja wiederum für gerade eingereiste komplett selbsterklärend ist. Es gab tatsächlich eine minikleine Erklärung am Rand des Zettels, die man aber erstmal finden musste). Ich machte eine beschwichtigende Geste in die Richtung unseres Gastes, bedankte mich artig bei der netten Dame an der Information, bevor wir den Laden verliessen und ich erst mal tief durchatmete. Halb erfolgreich kamen wir zurück nach Hause. 

Papierkram

Wir versuchten, die deutsche Bürokratie zu erklären, und machten Witze darüber, wie umständlich manche Sachen waren. Sie erkannte aber auch schnell, dass manches in Deutschland sehr viel besser lief als in ihrer Heimat. Ihr Gesicht, als wir nach einem Arztbesuch aus der Apotheke kamen und sie sich wunderte, dass sie weder die Ärztin noch die Medikamente bezahlen musste, werde ich wohl nie vergessen. Was für uns selbstverständlich ist, ist es für andere noch lange nicht. 

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